Wie der Humor Dein Leben rettet

Willibert Pauels, Ne Bergische Jung, begeistert mit einer einmaligen Philosophie


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«Mit nem Witz biste raus aus der Enge»

 

Gemeinsam verbrachten Mitglieder der Ev. Stadtkirche und St. Clemens einen Helferabend (5. Nov. 16). Als Dank für all- und gegenseitiges zupackendes Handeln gab es diesmal nicht ein übliches „Abhocken“ an Tischen, sondern ein – ja, was?! Karnevalsabend schon vor dem 11.11., eine ökumenische Lehrstunde ohnegleichen – oder einen unter die Haut gehenden Vortrag über Depressionen – „eine Krankheit, die erstens gut heilbar ist, wenn man sich Profis anvertraut und die zweitens gerne gesellschafts-thematisch unter den Tisch gekehrt wird“ (O-Ton Willibert Pauels). – Kurzgefasst: Es war ein extrem außergewöhnlicher Abend. Voller Ernst. Voller Lachen. Voller Esprit. Voller Würde. Voller Spaß.

 

Willibert Pauels ist katholischer Diakon. Seine derzeitige Heimatgemeinde ist Gummersbach. Er predigt im „Bergischen Dom“, also Alten-berg – und im Radio (WDR, Domradio). Man kennt ihn aus der Bütt im Kölner Karneval, als Bergischer Jong begeistert er seit Jahrzehnten. Doch Zeit seines Lebens plagten ihn Depressionen. Schließlich so stark, dass er „aussteigen“ musste, geheilt wurde, Mut und die Kraft hat, darüber öffentlich zu reden. Intensiv, klar verständlich, eindringlich. In einer Art, die seine Art ist: Als Karnevalist, Komiker – und Kirchenmann!

 

Schafft man es, mit der 3-K-Kombination KIRCHE-KOMIK-KRANKHEIT die Menschen im Saal dazu zu bringen, so die Luft anzuhalten, dass absolute Stille eintritt – und man nicht mehr weiß, bin ich im Trubel eines Tollhauses, in einer der besten (wenn nicht der besten!) philosophischen Vorlesung, die Solingen je (oder zumindest seit ewigem) erlebt hat – oder in einer Predigt, bei der es kurz vor Weihnachten um die österliche Botschaft geht? Wirrnis, Wahn, Widerspruch? Oder gar Teufel, Tricks und Täuschungen?

 


Ach was, nichts von dem allen. „Nur“ Willibert Pauels, den alle rheinische Welt als ,Ne Bergische Jung’ kennt. 
Gehirnakrobatik der alllerfeinsten Art. Und gelacht hat man, gelacht, gelacht. Eben, weil das Thema so ernst war und ist. 

 

„Wenn Dich etwas bedrückt, oder sogar quält, verfolgt, von Deinem Geist Macht ergreifen will – mach einen Witz darüber! Und sofort hast Du eine andere Perspektive. Der Witz macht Dich souverän, plötzlich stehst Du über den Dingen, wirst nicht mehr von ihnen erdrückt.“ Die Botschaft eines Mannes, der weiß, wovon er spricht. Aus eigener Erfahrung. Die er so freimütig, so humorig, so menschlich (mit)teilt, dass man in diesem Fall zum Attribut greifen darf, dieser Mensch ist eine (Künstler-)Klasse für sich. Einmalig. 

 

Darf man über Kirche und Glauben  lachen, sich lustig machen, Witze erzählen? Ungezählt, wie oft Pauels das gefragt wurde. Und immer die gleiche Antwort: Ja sischer datt, Du musses sojar, damit nisch die Dinge Disch, sondern Du die Dinge im Jriff hass’. 

 

Selbstironie ist Befreiung aus Zwängen. Humor ist der Wechsel der Perspektive, der Sichtweise.

 

Pauels verbindet Theorie und Praxis aufs mental allerköstlichste. Erzählt Witz auf Witz – das Publikum gerät in Panik! Kann ich mir die alle merken? Keine Sorge, kann man nicht. Pointe nach Pointe, und Pauels geht dann – wie sich der Bussard pfeilschnell auf die Feldmaus stürzt – im wortsirrenden Sturzflug auf die Tiefe der Philosophie und den Boden der Tatsachen über. Noch lacht man über den gerade gehörten Blödsinn, und Pauels redet schon von seelischen Nöten, guten Seelendoktoren oder der Verbissenheit, mit der Menschen Religion vereinnahmen, wenn sie – von ihm nie gesagt, aber als Logik nahegelegt – diese nicht verstanden haben. Ein Karnevalist, der mit Inbrunst über seinen Glauben spricht, ja wo gibt es das auf der Welt außer im Rheinischen, zu dem sich Solingen gerne zählt. Wären da nicht Adenauer und Pauels. Erster hat mal gesagt, in Solingen beginne von Köln aus gesehen schon Sibirien. Und Pauels erkennt in Solingen die Rheinischen Golanhöhen. Über beides könnte man böse und beleidigt sein. Wenn man Pauels nicht verstanden hat. Weil man dann nicht versteht, wie wertvoll Humor ist. „Lach über Dich und das, was Dich ärgert oder quält – un et es fott!“

 

Wenn dir das Lachen vergeht

 

Der Bergische Jung ist eine Plaudertasche. Kütt vam Hüöngken op et Stöcksken. So ist sein Vortrag auf der Bühne, so auch sein Buch. Kernbotschaft: Seht endlich, was Depression ist, nämlich eine Stoffwechselkrankheit. Und behandelt sie auch so. Wie Diabetes beispielsweise. Es  gibt Medikmente zur Linderung, die nimmt man. Nehmt solche bitte auch, wenn man depressiv ist – und das sind in Deutschland geschätzt 5 Millionen Menschen oder mehr. Es ist also Alltag. Geht zu Fachleuten, lasst Euch behandeln. So simpel ist Pauels Botschaft. Für Betroffene und deren Angehörige, Freunde.

 

So simpel sind auch manchmal seine Witze. Genau deswegen aber sind sie nicht „platt“ oder peinlich, sondern Philosophie auf höchstem, also lustigem Niveau. Der Papst ist in Köln. Er wird mit der dicken Limousine kutschiert. Sagt der Heilige Vater zum Fahrer: Ich habe einen Wunsch, ich möchte auch mal so ein Auto selbst fahren. Kein Problem, sagt der Fahrer, hier haben Sie die Schlüssel, ich setz mich nach hinten. Der Papst braust los – auf den Kölner Ringen wird er geblitzt und gestoppt, 140 Sachen in der Stadt. Kurbelt das Fenster runter, die Polizistin, die ihn kontrolliert, erschrickt, greift zum Telefon und ruft verzweifelt den Vorgesetzten an. Da wäre ein Prominenter, der Wagen viel zu schnell, was sie machen soll? – Kein Pardon, es gibt ein Knöllchen, sagt der Chef. Welcher Prominenter es denn sei? Keine Ahnung, sagt die Polizistin, aber der Papst sei sein Chauffeur …

 

Man muss die Dinge anders sehen, Perspektiven wechseln. Pauels wird nicht müde, es zu predigen. Apropos predigen:

 

Denkt an Ostern!

 

Es gibt die Religiösen und die Gläubigen – Pauels provoziert diese Unterscheidung. Total unterschwellig zwar, aber auch ungemein authentisch-ehrlich. Nicht „dr Pomp in dr Kirch’, der Katholische mag es ja imma schön met Schmackes“ zählt – seine Hände rühren hoch erhoben in der Luft, als würde der Dumpf der Hölle zum Himmel gewirbelt –, eneee, nicht Äußeres zählt, sondern Dein Selbst-Ich. Aber eben nicht das Grübeln, sondern das Denken. Dein Geist, nicht die Quälgeister. Vertrauen in den – Deinen – Glauben.

 

Nicht die Angst, die Du vor Religion und Lehren  haben magst, sondern die Souveränität, die Du durch Deinen tiefen Glauben findest – das hilft Dir. Denkt immer an Ostern, sagt, nein ruft er fast!, mehrfach. 

 

Und das, obwohl es kalendarisch kurz vor Weihnachen ist. Denkt an Ostern – die Auferstehung, das Mehr als nur „hie op dr Ääd ’n Klumpen orjanische Biomasse to sinn“. Ostern und was danach und draus folgt – ein Letztes, sozusagen Wirkliches und Wahres, was ihn persönlich beflügelt und er gerne, als Diakon in Predigten, als Karnevalist-Humorist-Büttenredner in launig-lustig-lästerhaften Vorträgen „unter’s Volk bringt“, in seinem Buch aus persönlicher Sicht und Erleben beschreibt. Denn:

 

Wenn es ein Letztes gibt, dann leben wir jetzt sozusagen im Vorletzten, und was nicht endgültig ist, kann man immer mit Humor und Witz betrachten, um eine Perspektive zu finden, die einen vieles  verstehen, gelassen ertragen lässt. 

 

Lachsalve auf Lachsalve feuert er dafür ab. Und – diesen Kontrast muss man körperlich miterlebt haben, um in ihm etwas „Heiliges = Heilendes“ zu erkennen – dann jählings das Publikum dazu bringt, den Atem anzuhalten. Immer dann, wenn er von sich, von Depressionen, von der Chance, sich davon zu befreien – mit therapeutischer Hilfe plus mit Humor und Perspektivwechsel – erzählt. Authentischer kann man’s nicht erleben, nicht eindrücklicher, markanter. 

 

Ein lustiger Philosophie-Abend also, eine Humor-Predigt,  eine Seelen-Therapie mit Pappnas’ und Kapotthut; eine Veranstaltung, wie sie Solingen so noch nicht oft erlebt hat.